
(Foto von Marlene K (Creative Commons Deed))
Es begann, wie meist, mit einer Nachricht. Es folgten ein paar mehr. Man kratzte an der Oberfläche, das persönlichste was man erfuhr war wohl noch der Name, sonst eher nebensächliches Geplänkel. Da mir sowas in letzter Zeit sehr schnell auf die Nerven geht und ich meine Zeit nicht damit verbringen möchte, auf schlecht designten blauen Websites auf Nachrichten zu warten, verlagere ich solche vielleicht anfangs oberflächlichen Gespräche gern ins reale Leben.
So traf man sich auf einen Kaffee bei Starbucks, man wusste ja immerhin auch wie man aussieht. Cappuchino und Iced Caffè Latte, to go. Man ging. Zunächst ein bisschen durch die Stadt, am Neckar entlang, man saß auf Bänken und fast schon unverhofft war das Gespräch recht tiefgründig. Sogar die Frage aller Fragen, eigentlich eine der ersten, immer wenn man jemanden ebenso schwules kennenlernt (Geoutet oder nicht?), blieb aus. Mein Gegenüber machte mir einen recht selbstsicheren Eindruck, so dass ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, dass seine sexuelle Orientiereung für ihn ein Problem sein könnte, oder er dies verstecken würde.
Falsch gedacht. Als man so am Neckar saß und sich zwei Spaziergängerinnen näherten, sah man ihm plötzlich eine gewisse Nervosität ins Gesicht geschrieben, er blickte über meine Schultern den Neckar entlang, den Spaziergängerinnen entgegen und sein Blick wanderte anschließend etwas verlegen zu Boden. Der kurz darauf an mich gerichtete Satz überraschte mich daher wenig. Es waren Kolleginnen von ihm, die natürlich DAS nicht von ihm wussten.
Offensichtlich sieht man mir an dass ich schwul bin, zunmindest musste ich vorgewarnt werden, um seinen lieben Kolleginnen nur nicht zu eindeutig aufzufallen. Doch das, war mir um ehrlich zu sein, zu viel. Ich war so nett und lies seine Kolleginnen, nach kurzem Hallo vorbeiziehen, bevor auch ich mich verzog und das schleunigst. Ich habe auf solche Versteckspiele einfach keine Lust, schon gar nicht wenn man nur Kaffee trinkend am Neckar sitzt – was jedoch für einige schon reicht um Paranoia zu schieben und zu glauben nur weil zwei Männer gemeinsam irgendwo sitzen, würde man ihnen ansehen, sie seien schwul! Und wenn schon!
Doch hier im etwas verschlafenen, spießigen und wenig weltoffenen Heilbronn scheint man sich gern zu verstecken – das fällt mir in letzter Zeit immer häufiger auf. Kaum jemand, den man kennenlernt, ist einfach so wie er ist und wie er sein möchte. Alles angepasst, im Strom schwimmend. Nur nicht so sein, wie man es selbst will. Ich spreche nicht davon aufzufallen, um jeden Preis und jedem mit seinem Äußeren oder dem Verhalten über sich aufzuklären. Nein. Doch die Gedanken die sich einige machen, wenn sie überlegen das zu verbergen, was sie als Mensch ausmacht, sollten sie dazu nutzen sich Mut zuzusprechen und zu sich selbst zu stehen.
[Nachtrag: Mein Kommentar ist eher als Ergänzung zum Blogpost zu verstehen.]

Das ist nicht nur in Heilbronn so mein Freund.. diese angepasste Scheiße gibt es überall. Leider.
Achja, sowas kenn ich auch. Und je kleiner der Ort/ das Dorf desto angepasster muss man sein. Schlimm. Vielleicht ist das auch nur in meinem Ort so, wer weiß..Ich jedenfalls habe nicht vor, hier länger als Notwendig zu wohnen.
Aber egal, ich schweife iwie ab xD Ist auf jeden Fall ein toller Text und besonders der letzte Satz ist genial! So true :)
Lieben Gruß vom Flo ;)
Ich kann das gut nachvollziehen das dich diese Versteckerei nervt.
Hmm. Das hat wohl auch mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Ich bin ich. 24 Stunden am Tag. Ich käme nicht auf die Idee, mich für irgendwas und irgendwen zu verbiegen. Wenn ich (m)einen Mann küssen möchte dann tue ich das – egal wo. Und habe noch nirgends schlechte Erfahrungen gemacht – weder im kleinen Kaff wo ich aufgewachsen bin, noch in der großen Stadt im Asi-Viertel, noch auf Arbeit, etc…
Wahrscheinlich muss man anderen die Selbstverständlichkeit Schwul zu sein vorleben. Dann wirds mit der Zeit…
Versteh’ den Jungen doch, Du sprühst doch geradezu vor Homosexualität ;)
Nee, ich kann Dich da gut verstehen, diese Gedanken waren auch mal bei mir zu Besuch, nur hab ich es verpasst, sie in einen so wundervollen Text zu stecken. Danke hierfür, war ein guter Einstieg in den Tag heute :)
Im Gegenwart großer Angst sind die Dinge nicht immer so einfach. Kennst du die Geschichte des jungen Mannes?
Eigentlich hat das Verhalten, sich verbergen zu wollen zum größten Teil auch mit Selbstwertgefühl zu tun. Wenn das aufgrund z. B. von Ablehnung geprägten Kindheit nicht sehr groß ist, dann ist das Coming-Out ein sehr langwieriger Prozess. Vielleicht hat ihn das Treffen schon an sich viel Überwindung gekostet. Und vielleicht ist er auch darauf trainiert einen “selbstsicheren Eindruck” zu erwecken, eben um sich vor anderen zu verbergen. Vielleicht fürchtet er sich auch, dass ihm die KollegInnen durch ihr Verhalten Ablehnung zeigen, ihm auf diese Weise gewissermaßen seine sexuelle Identität “verwehren” (”Mit einem Schwulen wollen wir nichts mehr zu tun haben!”). Zu lernen, dass die Ablehnung eines Menschen nichts mit Schuld oder dem Unvermögen einer der abgelehnten Person zu tun hat, fällt schwer, da Ablehnung bei Menschen mit wenig Selbstwertgefühl, sich häufig wie die Abwesenheit von Liebe erscheint (ein für Menschen in der Regel unerträglicher Zustand).
Kurzum: Das hat alles nicht viel mit dir zu tun. Du bist weder zu bunt, noch wirkst du “zu schwul”. Das kann niemand. Sicherlich: Affektiertheit ist wieder etwas anderes, aber ich glaube kaum, dass diese bei dir zu beobachten ist ;-).
Ich gebe dir recht, dass wir uns am Wohlsten fühlen, wenn wir für unsere eigene Person in ihrer Gänze einstehen. Aber das wird nur funktionieren, wenn wir lernen, den Teil unserer Persönlichkeit anzunehmen, der uns ängstigt.
Sehr schöner Text den ich sehr gut nachvollziehen kann. Habe schon häufig Menschen kennen gelernt die meinen nicht zu sich stehen zu können. Ich versuche dann immer ein gewissen Verständnis zu haben, da ich weiß das sie es wahrscheinlich nicht so einfach haben wie ich. Meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen und ich selber stehen zu mir, häufig ist das bei z.B ungeouteten Menschen nicht unbedingt der Fall.
Ich finde es toll und schön, wie offen du mit dem Thema umgehst. Aber wie du immer wieder feststellst: Es ist nicht für alle so einfach.
Ich finde das schlimm. Ich finde es schlimm, dass die Angst überwiegt. Dass es für viele immer noch nicht “normal” ist. Außerdem frage ich mich auch, wer festgelegt hat, dass heterosexuelle und monogame Partnerschaften normal seien. Soll doch jeder so leben, wie er glücklich ist. So lange er anderen nicht schadet.
Ich hoffe, du findest jemanden, der genau so offen damit umgeht. Aber ich denke, dass du auch sehen solltest, dass du derzeit was bzw jemand besonderes bist.
schade, dass es immer noch solche erlebnisse gibt.
irgendwie ist das schon komisch: wir leben in einer metrosexuellen welt, aber geändert scheint sich recht wenig zu haben. in den tv-serien dürfen die alibischwulen brav ihre rollen spielen.
doch wehe wenn eben in diesen serien das eigene (fernseh-)kind homosexuell sein könnte, dann brechen welten ein und ein kollevtives aufatmen ght durchs land, dass der (fernseh-)junge ja doch ganz “normal” ist.
willkommen in der gegenwart.
lg flipp
@alle
Wow. Danke für diese Kommentare! Ich gehe nun nicht auf jeden einzelnen ein, vielmehr versuche ich den Blogpost nun noch zu ergänzen:
Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich jeden Ungeouteten grundsätzlich ablehne. Es gibt verständliche Situationen, die es einem erschweren zu sich selbst zu stehen oder man hat einfach noch nicht den Mut gefasst bzw. den passenden Moment gefunden, den entscheidenden Schritt zu wagen. Ich selbst bin auch nicht von Heute auf Morgen zu dem geworden, der ich nun bin. Das war ein langer Prozess, der anfangs mit einem unglücklich machenden Versteckspiel begann! Auch mein Selbstbewusstsein habe ich mir aufgebaut und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich von diesen keinen Milimeter zurückweichen möchte.
Was mich an der geschilderten Situation so störte, war die Art und Weise wie mit mir ungegangen wurde. Nicht die Tatsache, dass er ungeoutet ist. Ich kenne auch Leute, die es ebenso wenig in ihrem beruflichen Umfeld sind (Lehrer, unter anderem für Religion), dennoch unbeschwert mit mir in einer Bar sitzen können und auch nicht panisch werden, wenn plötzlich ein Schüler vor ihnen steht, der auch noch wissen will, wer ich denn bin? Die Antwort “ein Freund von mir” ist mir wesentlich angenehmer, als gesagt zu bekommen, nur nicht zu schwul zu sein.
Ich bin sehr dafür, eine normalen Umgang mit der Sache vorzuleben, und ich versuche wirklich jeden darin zu unterstützen, zu sich zu stehen! Deshalb werde ich auch weiter, sogar hier im verschlafen Heilbronn, einfach so sein wie ich bin – ich kann auch gar nicht andes! Das alles, worüber wir hier sprechen, muss sich auch gar nicht unbedingt auf homo- oder heterosexuell beziehen – vielmehr auf das Leben (ich schweife ab) im Allgemeinen, schließlich verbergen auch andere ihr wahres Ich, um nicht anzuecken …
Das Versteckspiel hat eigentlich nichts mit dem Ort zutun. Selbst in Berlin gibt es Menschen, die ungeoutet sind. Und ganz ehrlich, Berlin ist schon so eine Sache für sich. An sich ist es egal, wer was ist, es gibt halt zu viele Menschen, aber dennoch hat man hier das Phänomen, dass jeder hier jeden kennt. Ich war heute vom Osten zum Westen gefahren & habe auf der Rückfahrt 8956274635 Menschen, die ich von irgendwo her kenne, getroffen. Das ich sowohl auf Männer, wie auch auf Frauen stehe, wissen wenige. Allerdings hänge ich das auch nicht an die große Glocke à la “Hallo. Mein Name ist Jessica und ich bin bisexuell.”
Ich kann es durchaus nachvollziehen, wie du dich gefühlt hast, vielleicht auf einen anderen Aspekt, aber das ungefähre Gefühl bleibt das Gleiche. Dennoch weißt du nicht, was sich in seinem Inneren abspielte. Der Mensch ist ein Geheimnis, egal gut du ihn, nach deinem Glauben, kennst. ;)
Andererseits. Manchmal braucht ein Ungeouteter einfach einen guten Freund, jemand, der ihm die Kraft gibt, sich outen zu können.
Oh ich gebe dir ziemlich recht.Heilbronn ist für seine Spießigkeit,und seine Bauernmentalität recht einzigartig.wobei es sicherlich schlimmeres gibt.und natürlich liegt das mehr am Menschen selbst als an der Stadt.aber postmoderne Bauernmentalität mit Schwulsein ist eben eher ein Problem.
Das Versteckspiel habe ich auch schon lange hinter mir. In der Schule, das weiß ich noch genau, habe ich immer versucht, dass man es mir nicht anmerkt. Ich hatte panische Angst vor Hänseleien oder sonstigen schulischen Schwachsinn, was sich Mitschüler ausdenken können. Doch in der Oberstufe entschloss ich mich dann, ich selbst zu sein und zu mir zu stehen. Es war ein gewaltiger Schritt. Ein großer. Man braucht dazu sehr viel Mut und muss sehr zu sich stehen. Aber ich habe es geschafft. Und durch dieses Ereignis habe ich auch angefangen, mich freier zu bewegen, freier zu leben und offener zu sein. Es ist auch einfacher, wenn man sich nicht mehr versteckt. Man kann auch besser mit der Situation umgehen. Auch mit der, dass dich andere doof anschauen, wenn du mal Hand in Hand rumläufst. Aber dich stärkt das ganze.
Zu deiner Situation kann ich auch nur sagen, dass er sich vll. nicht bewusst war, wie er damit umzugehen hat, wie er dir das klar machen kann, dass ihm das nicht lieb ist. Aber gut, wenn er sich dann noch nicht mal traut, eine Lüge im Sinne, dass du irgendein Freund bist, der zufällig schwul ist, zuzugestehen, dann ist er noch weit entfernt, um sich selbst zu finden und seiner selbst zu sein (Gedankenabscheif: ich hatte letztes Semester ein Fach, dass ‘Sich selbst verstehen’ hieß ^^ … wie passend).